Gehaltsunterschiede öffentliche Träger und freie Träger

Ein 2015 viel diskutierter Punkt war die Frage nach der Bezahlung von Erzieherinnen öffentlicher Kitas gegenüber Erzieherinnen von Kitas freier Träger. Entgegen landläufiger Meinung sind Erzieherinnen kommunaler Kitas zum Teil deutlich besser bezahlt als die Kollegen freier Träger. Bei einer vollzeitbeschäftigten Erzieherin können dies Differenzen von bis zu 700 € monatlich bedeuten. Dies hat zur Folge dass sich gerade freie Träger zunehmend schwer tun qualifizierte Erzieher und Erzieherinnen einzustellen. Mittelfristig kann dies zu einer Wettbewerbsverzerrung führen wie auch zu stark divergierenden Qualitäten in der frühkindlichen Förderung.

https://www.kiggi.de/traegerart/3/kommunale_verwaltung_und_oeffentliche_traeger

Niedrige Einkommen sind keine Seltenheit

Auffällig ist vor allem, dass die Einkommen der Beschäftigten zwischen den öffentlichen und freien Trägern stark variieren. Das durchschnittliche Netto-Monatseinkommen aller Befragten beträgt ca. 1577,- Euro (bei durchschnittlich 34 Wochenstunden), bei den freien Trägern liegt es jedoch mit ca. 1400,- Euro (bei durchschnittlich 31 Wochenstunden) noch deutlich niedriger. Besonders kritisch ist die Einkommenssituation der Beschäftigten freier Träger, die keine Leitungsfunktion innehaben: ca. 40% der befragten Praktiker in Berlin und 31% in Brandenburg verdienen weniger als 1250,- Euro netto.

Zum Vergleich: Das durchschnittliche Brutto-Monatseinkommen bei Vollzeitbeschäftigung beträgt in Berlin ca. 3177,- Euro, was einem ungefähren Netto von 1995,- Euro entspricht. Das durchschnittliche Nettoeinkommen bei Vollzeitbeschäftigung in den untersuchten Arbeitsfeldern bewegt sich mit ca. 1800,- Euro demnach noch unterhalb des Berliner Mittels.

http://www.anerkennung-sozial.de/2011/04/%E2%80%9Emacht-und-ohnmacht-in-der-sozialen-arbeit%E2%80%9C-gew-studie-zur-sozialen-und-beruflichen-lage-von-fachkraften-der-sozialen-dienste/

Ein Unterschied ist: Erzieher in kommunalen Kitas profitieren von der Einkommensentwicklung des öffentlichen Dienstes, wohingegen Angestellte bei freien Trägern wie etwa der AWO, dem DRK, der Diakonie, den Kirchen oder Elterninitiativen (zum Teil Non-Profit-Organisationen) meist mit deutlich weniger zufrieden sein müssen. Die GEW spricht von einem Unterschied beim Verdienst von 670 bis 1.000 Euro Brutto, die Vertreter der freien Träger von rund 200 Euro. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, denn auch zwischen Ost und West, Männern und Frauen, der Dauer der Berufsausübung sowie Vollzeit- und Teilzeit-Beschäftigungen bestehen ohnehin beträchtliche Gehaltsdifferenzen.

Eine (deutlich) niedrigere Bezahlung für gleiche Arbeit müsste jeden motivieren, entweder  auf schnellstem Weg den Arbeitgeber zu wechseln oder gar einen ganz anderen Berufsweg einzuschlagen. Folge: Insbesondere die Kindertagesstätten in freier Trägerschaft müssten bald die Fachkräfte ausgehen. Aber falsch gedacht!

http://www.sozialpaedagogik-fernstudium.de/gehalt-von-erziehern-gleiches-geld-fuer-gleiche-leistung.html

Feststellung für Bielefeld

In den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten wurden in der Kinder- und Jugendarbeit zahlreiche Fachkraftstellen abgebaut. 1985 betrug die Zahl ohne die Stadtteilprojekte 69,5 Vollzeit-Stellen. 1999 waren es noch 52. Im Betrachtungszeitraum förderte die Stadt Bielefeld 46,5 Fachkraftstellen. Ab 2014 wurde in vier Einrichtungen der Personalbestand um 0,5 gekürzt. Der leichte Rückgang des Fehlbetrages in 2012 ist auf leicht gesunkene Zuschüsse an freie Träger für die offene Kinder- und Jugendarbeit und etwas geringere Personalkosten zurückzuführen. Folgende kleinere Konsolidierungsmaßnahmen trugen dazu bei:

• Wegfall der zusätzlichen Förderung von Jugendgruppenleiter-Schulungen.
• Wegfall der zusätzlichen Förderung der Kinder- und Jugendkulturarbeit.
• Einsparung einer halben Stelle für die Sachbearbeitung der Leistungsverträge.
• Einsparung einer 0,3 Vollzeit-Stelle im Leistungsvertragsbereich.

http://gpanrw.de/media/1443614247_stadt_bielefeld_gesamtbericht_2014.pdf

Schleichende Kürzungen

Es ist nicht ausschließlich der Fachkraftstellenabbau, sondern im besonderen Ausmaß die schleichende Kürzung bei der Personal- und Sachkostenförderung, die den Freien Trägern der Jugend- und Sozialarbeit zusetzt.

Ein Beispiel: Das System, nachdem die Stadt Bielefeld die Offene Kinder- und Jugendarbeit fördert, beruht auf Pauschalen. Es gibt verschiedene Pauschalen für Sachausgaben (wie Miete oder Energie) und eine Pauschale für das Personal.

Die Pauschale für das Personal wurde in 1996 festgelegt, doch sie war dynamisch, da die jährliche Tarifsteigerung hinzugerechnet und von der Stadt bezahlt wurde. Dies beendete die Stadt Bielefeld in 2010:

2010 bis 2013: Tarifsteigerungen bezahlt die Stadt gar nicht mehr

2014 bis 2016: die Stadt bezahlt Tarifsteigerungen bis maximal 3%

Plan ab 2017: die Stadt bezahlt Tarifsteigerungen bis maximal 2%

Die Pauschalen für die Sachausgaben (wie Miete, Energie, Versicherungen, sog. pädagogisches Material) wurden ebenfalls in 1996 in ihrer Höhe festgelegt und seitdem nicht mehr erhöht (lediglich von 2014 bis 2016 erhalten die Freien Träger eine Anhebung der Sachkostenförderung gemäß Verbraucherindex). Nach einer Schätzung des Bielefelder Jugendrings fehlen allein in der Offenen Kinder-und Jugendarbeit 440.000,- € in der kommunalen Förderung der anfallenden Sachausgaben.

Angemessene Förderung der Jugendarbeit in der BRD nicht gegeben

Gemäß des Sozialgesetzbuches VIII, § 79 (Gesamtverantwortung, Grundausstattung) soll der öffentliche Träger der Jugendhilfe von den für die Jugendhilfe bereitgestellten Mitteln einen angemessenen Anteil für die Jugendarbeit verwenden.

In Betrachtung der bundesdeutschen Ausgabeentwicklung ist davon nichts zu bemerken, denn während insgesamt die Jugendhilfeausgaben steigen sinken die Aufwendungen für die Kinder-und Jugendarbeit.

(…) „Bezieht man die allgemeine Preisentwicklung unter Berücksichtigung der Entwicklung des Bruttoinlandproduktes in die Betrachtung mit ein, zeigt sich für den Leistungsbereich der Kindertagesbetreuung eine Ausgabensteigerung seit 2005 um 65% und bei den Hilfen zur Erziehung um 35%, während es „kaum Zuwächse(…) bei der Kinder- und Jugendarbeit gegeben (hat)“ (AGJ 2014,S.16). Nimmt man für die Jugendarbeit allein die aktuelle Entwicklung der Ausgaben im Jahr 2012 im Vergleich zum Vorjahr in den Blick, so ist „preisbereinigt (….) von einem Rückgang von bis zu 1,4 % auszugehen. (Schilling 2013, S.5).“(…)

Nörber, Martin in: Zeitschrift für die Jugendarbeit, deutsche jugend, S. 466

„Prozentuale Verhältnisse“ in Bielefeld

Eine ähnliche „Angemessenheit“ finden wir auch in Bielefeld. Gehen wir von dem Haushaltsentwurf 2016 aus, dann sollen im Ergebnis die Kosten für die Jugendhilfe insgesamt bei 140.717.051€ liegen (Aufwendungen bei 225.522.854€).

Rechnet man alle Angebote der Kinder- und Jugendförderung zusammen, die über eine Leistungs-und Finanzierungsvereinbarung seitens der Stadt Bielefeld gefördert werden, dann macht das einen prozentualen Anteil von 4,6% an den gesamten Jugendhilfekosten aus. Zu diesen Angeboten gehören die Offene Kinder- und Jugendarbeit, die Jugendverbandsarbeit, die Jugendkulturarbeit, die Freizeitzentren, die Stadtteileinrichtungen, die kommunal geförderten Stellen der Schulsozialarbeit sowie Einzelprojekte (6.486.716€).

Im Bezug zu diesem kalkulierten Jahresergebnis für 2016 macht die kommunale Förderung von Angeboten der Offenen Kinder-und Jugendarbeit, der Jugendverbandsarbeit und  der Jugendkulturarbeit etwa 2,5% aus.

Haushaltsplan 2016 für das Amt für Jugend und Familie – Jugendamt, kommentiert vom Bielefelder Jugendring

Hohe Bedeutung, niedrige öffentliche Förderung

„Kontinuierlich wird immer wieder festgestellt, dass „Lernen im Jugendbereich (…) partizipativ, lernzentriert, freiwillig und eng mit den Bedürfnissen, Erwartungen und Interessen junger Menschen verknüpft (ist). Zentrale Elemente sind das gegenseitige Voneinander-Lernen, das Lernumfeld, Lernen im Jugendbereich umfasst unterschiedliche Arten, Methoden und Ansätze, schließt auch Elemente informellen Lernens mit ein und kommt zuweilen dem formalen Bildungssystem sehr nahe“ (Funk 2014, S. 525). Unterstützt werden die Ausführungen zur „Bildungsrelevanz“  von Angeboten der Jugendarbeit durch die in Europa existierende Diskussion zu Lebenslangem Lernen, die sich im „Europäischen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen“ (EQR) niederschlagen.

(…)

Während auf der Metaebene die Bedeutung der originären Bildungsdimension des Lernortes Jugendarbeit konsequent betont wird – ohne hierbei an fiskalische Verpflichtungen gebunden zu sein -, erfolgt auf der örtlichen Ebene eine Ausrichtung der Jugendhilfeleistungen an politischen Prioritätensetzung zu einen und von Bürgerinnen und Bürgern einklagbaren gesetzlichen Pflichtangeboten zu anderen.“

Nörber, Martin in: Zeitschrift für die Jugendarbeit, deutsche jugend, S. 467

Gesetzliche Verpflichtungen zur Förderung der Jugendarbeit

„Eine uneingeschränkt freie politische Prioritätensetzung für den örtlichen Träger der öffentlichen Jugendhilfe mit Blick auf die Ausgestaltung der Leistungsangebote der Jugendhilfe existiert aber nicht. Vielmehr schreibt das SGB VIII die gesetzliche Verpflichtung zur Förderung der Jugendarbeit in § 11 SGB VIII fest.

„Die Vorschrift verpflichtet die Träger der öffentlichen Jugendhilfe zum Tätigwerden, ohne jedoch dem einzelnen Menschen ein Recht auf Kontrolle der Aktivität des öffentlichen Trägers einzuräumen. (…) Zudem lässt sich eine objektiv-rechtliche Verpflichtung der kommunalen Gebietskörperschaft  zu einer Grundversorgung aus der Gesamtverantwortung bzw. Gewährleistungspflicht nach § 79 SGB VIII herleiten, nicht aber ein subjektives Recht des einzelnen jungen Menschen“ (DBJR 2013, S.7).

Unabhängig davon existiert bezogen auf die verbandliche Jugendarbeit entsprechend § 12 SGB VIII aber eine unbedingte Förderverpflichtung. „Hinsichtlich der Förderung der Jugendverbandsarbeit hat der Gesetzgeber den höchsten Verpflichtungsgrad gewählt: die Jugendverbandsarbeit „ist“ nach § 12 SGB VIII zu fördern“ (DBJR 2013, S. 8). Völlig unerheblich bei der Frage der Förderung des Leistungsangebotes Jugendarbeit ist dabei, ob es aufgrund von Kostensteigerungen bei sonstigen Leistungen der Jugendhilfe – wie beispielsweise im Bereich der Kindertagesbetreuung oder der Hilfen zur Erziehung – zu kontinuierlichen Mehrbelastungen für örtliche Träger der öffentlichen Jugendhilfe kommt, die für die Leistungen der Jugendhilfe gesamtverantwortlichen sind.“

Nörber, Martin in: Zeitschrift für die Jugendarbeit, deutsche jugend, S. 470